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Wie ein estnischer Professor zum „Rockstar“ der Physik wurde: Die Europäische Physikolympiade erobert die Welt

Stellen Sie sich eine riesige Halle vor. Ein Mann betritt die Bühne, und das Publikum rastet aus – der ohrenbetäubende Applaus will einfach nicht enden. Ein berühmter Popstar auf Welttournee? Ein gefeierter Hollywood-Schauspieler? Weit gefehlt! Wir befinden uns auf der Europäischen Physikolympiade (EuPhO) im schwedischen Göteborg, und der Mann im Rampenlicht ist der estnische Professor Jaan Kalda.

Was 2017 als ambitioniertes Projekt im Baltikum begann, hat sich zu einem globalen Phänomen entwickelt, das mittlerweile die klügsten Köpfe aus der ganzen Welt anzieht. Auch für uns hier im Schweizer Ingenieursnetzwerk ist es faszinierend zu beobachten, wie eine estnische Initiative die internationale Bildungslandschaft derart umkrempelt.

Der „Eurovision“-Effekt der Wissenschaft

Obwohl der Name „Europäische Physikolympiade“ lautet, sprengt der Wettbewerb längst die Grenzen unseres Kontinents. Laut Professor Kalda, dem Präsidenten der EuPhO, nahmen in diesem Jahr neben 34 europäischen Staaten auch sieben Gastländer teil – darunter globale Schwergewichte wie die USA und China.

Man könnte es mit dem Eurovision Song Contest vergleichen: Auch dort treten längst Nationen auf, die geografisch weit von Europa entfernt liegen. Bei der zehnten Ausgabe der EuPhO in Schweden traten insgesamt 199 junge Physik-Talente aus 41 Ländern an, um sich in der Kunst der Problemlösung zu messen.

Estlands Nachwuchs an der Weltspitze

Die estnischen Teilnehmer zeigten in Göteborg eine beeindruckende Leistung und brachten eine reiche Medaillenausbeute mit nach Hause. Bereits das zweite Jahr in Folge sicherte sich Kaarel Toomet (bekannt aus der estnischen Wissenschafts-TV-Show „Rakett 69“) eine Goldmedaille. Mit seiner herausragenden Punktzahl landete er auf dem 9. Platz von 199 Teilnehmern.

Dicht auf den Fersen waren ihm die Schüler des Tallinner Realgymnasiums: Marten Suits holte Silber und Toom Allikmäe gewann Bronze. Kristjan Lepp (Hugo-Treffner-Gymnasium) wurde mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet. Komplettiert wurde das fünfköpfige estnische Team durch Nurkhan Torekhanov (Miina-Härma-Gymnasium). Begleitet und trainiert wurden die jungen Talente von den Mentoren Oleg Košik (Universität Tartu) und Päivo Simson (Technische Universität Tallinn / TalTech).

Das Geheimrezept: Warum EuPhO anders ist

Für alle, die nicht jeden Tag tief in der Welt der Quantenmechanik oder Thermodynamik stecken, stellt sich die Frage: Warum braucht es neben der Internationalen Physikolympiade (IPhO) überhaupt noch die EuPhO? Der Unterschied liegt im Charakter der Aufgaben.

  • Die klassische IPhO lässt sich am besten mit dem Aufbau eines großen IKEA-Schranks vergleichen: Man bekommt eine 50-seitige Anleitung. Man wird durch kleine, helfende Teilfragen Schritt für Schritt zur Lösung geführt. Es ähnelt einer klassischen Universitätsprüfung.
  • Die EuPhO hingegen ist so, als bekäme man einen Haufen Holz, eine Säge und den knappen Auftrag: „Baue eine funktionierende Brücke.“ Die Problemstellung ist extrem lakoonisch. Den gesamten Weg zur Lösung muss der Teilnehmer selbst erfinden.

Genau dieser Ansatz simuliert echte wissenschaftliche Forschung. Es gibt den Schülern mehr Raum für kreative Ansätze und echte Entdeckerfreude. Bildungsexperten sind sich einig, dass dieses innovative Format der Hauptgrund für das rasante Wachstum der Teilnehmerzahlen ist.

Ein Idol für die Jugend

Diese Begeisterung für das freie Denken ist eng mit dem Initiator verbunden. Auch die internationale und deutsche Presse ist bereits aufmerksam geworden. Wie Medienvertreter feststellten, zitieren junge Teilnehmer gerne die magische Aura des estnischen Professors. In einem direkten Zitat der Schüler heißt es:

„Für die jungen Physiker der Welt ist Kalda geradezu zu einer Gottheit geworden, bei deren Auftritt in Göteborg der Applaus einfach nicht enden wollte.“